Wenn das Unvorhergesehene zur Routine wird
Die Katastrophen-Großübung in der Mewa-Arena und dem MKM in Mainz zeigt, wie gut unsere Gesellschaft auf den Ernstfall vorbereitet ist. Eine Betrachtung der Abläufe und Ergebnisse.
In der Mewa-Arena in Mainz wird das Geräusch von Sirenen laut. Helfer in leuchtend orangefarbenen Westen stürmen durch die Gänge, teils mit Funksprüchen, teils mit dem nervösen Blick nach einem nächsten Befehl. In der anderen Halle, dem MKM, sind Dutzende von Statisten im Einsatz, die Verletzungen simulieren. Ein Notfallmediziner wird hinter einer improvisierten Trage gesichtet, seine Mimik verrät Konzentration, während Sanitäter hektisch die Lage sondieren. Es ist eine Katastrophen-Großübung, und während das Geschehen auf den ersten Blick chaotisch anmutet, gibt es ein System.
Die Übung ist nicht nur ein Test der Organisation, sie ist ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Bereitschaft, auf das Unvorhergesehene zu reagieren. In einer Zeit, in der die Bedrohungen von Naturkatastrophen bis zu terroristischen Anschlägen zunehmend realer erscheinen, ist es vielleicht nicht überraschend, dass solche Übungen ins Leben gerufen werden. Die Städte rüsten sich für den Fall der Fälle, die Bevölkerung wird sensibilisiert für Notlagen, und dennoch bleibt die Frage: Wie gut sind wir tatsächlich vorbereitet?
Das Zusammenspiel der Akteure
Die Bausteine dieser Übung sind vielfältig. Von Feuerwehr, THW über das Rote Kreuz bis hin zu verschiedenen Rettungsdiensten – alle stehen Schulter an Schulter, um ein Szenario zu durchlaufen, das sie in der Realität vermutlich nicht oft erleben. Der Koordinator der Übung – ein erfahrener Notfallsanitäter – betont, dass die Vielzahl der Beteiligten nicht nur wichtig ist, um alle Facetten einer Katastrophe abdecken zu können, sondern um das Handeln der Akteure unter Stress zu evaluieren. Alles soll in einem kontrollierten Rahmen geschehen; Fehler sollen gemacht werden, damit sie in der Ruhe des Planspiels identifiziert und verbessert werden können.
Die einzelnen Organisationen haben teils stark unterschiedliche Herangehensweisen und auch Traditionen. Es ist daher nicht nur eine praktische Übung, sondern auch ein Experiment für die Interoperabilität. Während die Feuerwehr beispielsweise gewohnt ist, in einem strengen hierarchischen System zu arbeiten, oft Entscheidungen von oben nach unten getroffen werden, tendiert der Arzt dazu, eine konsensuelle Meinung unter einem Team zu suchen, bevor er handelt. Diese Unterschiede spiegeln sich in der Reaktionsgeschwindigkeit und im Entscheidungsfindungsprozess wider. Das macht die Übung so wertvoll.
Die Rolle der Öffentlichkeit
Selbstverständlich passiert dies alles nicht im luftleeren Raum. Auch die Reaktion der Öffentlichkeit ist ein wichtiges Element in einer Katastrophensituation. Zuschauer – die Passanten vor der Arena und Angehörige der Beteiligten – drängen sich um die Absperrungen, um einen Blick auf das Spektakel zu erhaschen. Hier zeigt sich ein gewisser schockierter, aber auch neugieriger Blick auf das Geschehen. Es ist leicht, vom Event-Charakter einer solchen Übung abgelenkt zu werden.
In den sozialen Medien wird fleißig darüber berichtet. Ein paar Instagram-Stories hier, ein Tweet dort. Ironischerweise sind es oft die gleichen Stimmen, die sich im Nachgang über die mangelhafte Vorbereitung der Behörden beschweren, die nun auch einen geschmacklosen Spaß an der Übung finden. Der Spagat zwischen Faszination und Ernsthaftigkeit ist schmal. Wie weit sollten wir uns von der Realität eines katastrophalen Ereignisses entfernen? Ist es nicht gerade diese Ambivalenz, die unser Interesse an Großübungen weckt?
Ein kritischer Blick auf die Effizienz
Es ist unbestreitbar, dass solche Übungen wichtig sind. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Aufwand in einem realen Notfall wirklich gerechtfertigt ist. Wenn die Notrufnummern unter einer Flut von Anrufen zusammenbrechen, wie schnell können dann Helfer und Organisationen reagieren? Statistiken über die Reaktionszeiten sind in diesen Übungen oft unzureichend, da der Fokus mehr auf dem Gesamtbild liegt.
Das Publikum, dass sich in der Kälte versammelt hat, um den Helfern und Statisten zuzusehen, kann wenig mit dem akademischen Diskurs über Effizienz in Notfällen anfangen. Für sie bleibt der Anblick der zusammenarbeitenden Akteure eine Art beruhigendes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass im Ernstfall vielleicht alles zu einem guten Ende führt, selbst wenn dieser Einsatz auf den ersten Blick wie eine inszenierte Scharade wirkt.